Die "Wolle" - ein kostbares Stück Stadtgeschichte


 

Zwölf Stunden Arbeit in stickigen Fabrikhallen, danach ein karges Abendbrot in der werkseigenen Wohnung, vor dem Zubettgehen vielleicht noch ein Plausch mit dem Nachbarn über den Zaun des Gemüsegartens: So oder ähnlich sah der Alltag in der Norddeutschen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei in Delmenhorst aus.


 

Jahrzehntelang war die riesige Industrieanlage – mit rund 25 Hektar Gesamtfläche eine der größten ihrer Art in Europa – eine Welt für sich: Das Wort des Fabrikanten war Gesetz, Zwirn- und Spinnmaschinen bestimmten den Lebensrhythmus. Seit Beginn der 80er Jahre ist der Arbeitslärm verstummt.

 

Auf dem brachliegenden Gelände hat sich ein neues Stadtviertel aus denkmalgeschützten Werksgebäuden und moderner Wohn-, Büro- und Freizeit-architektur entwickelt. Im Mittelpunkt: das Fabrikmuseum Nordwolle im schmuckvollen Backsteinbau des alten Turbinenhauses, ehemals die Kraftzentrale des Werks. Der angrenzende Shedriegel setzt mit teilweise noch funktions-tüchtigen Maschinen den Weg von der Rohwolle zum Garn in Szene und erzählt die Geschichte der vielen Frauen und Männer, die oft genug unvorbereitet ins Mahlwerk dieser gewaltigen Fabrikstadt gerieten.


Die Geschichte der "Wolle"


"Wollmäuse" nannten die Delmenhorster sie: die jungen Mädchen und Frauen aus Schlesien, Galizien und Böhmen, die mit ihren geschickten Händen die Doublier- und Zwirnmaschinen bedienten. Der Tageslohn betrug 1,50 Mark;ihre männlichen Kollegen in der Spinnerei verdienten etwas mehr.

 

1884 gründete der Bremer Textilfabrikant Christian Lahusen die Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei in Delmenhorst. Die Nordwolle, wie das Werk bald überall hieß, lag direkt an der Bahnlinie nach Bremen, wo die weltweit aufgekaufte Wolle per Schiff angeliefert wurde.

 

Innerhalb von zwei Generationen entwickelte sich das Familienunternehmen zu einem Konzern, der zeitweise ein Viertel der Weltproduktion an Rohgarn herstellte und allein in Delmenhorst bis zu 4.500 Mitarbeiter beschäftigte. Die meisten von ihnen kamen aus Osteuropa. Durch die massenhafte Zuwanderung schwoll die Einwohnerzahl Delmenhorsts zwischen 1885 und 1905 auf das Dreifache an. Die Folgen: krasse Wohnungsnot und soziales Elend, als sprichwörtliche "Delmenhorster Verhältnisse" berüchtigt.


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Schon früh entstanden daher auf dem Gelände der Nordwolle stetig wachsende Arbeitersiedlungen. Aus der Fabrik wurde eine Stadt in der Stadt – mit Konsumladen, Speise- und Badeanstalt, Krankenhaus, Kinderhort und Bibliothek. Das schuf soziale Sicherheit, aber auch Abhängigkeit vom Fabrikanten, der nun alle Lebensbereiche seiner Belegschaft kontrollierte.

 

1931 endete die Ära Lahusen: Missmanagement und Weltwirtschaftskrise trieben die Firma in den Konkurs. Stark verkleinert existierte sie dann noch bis 1981.

Die großen roten Backsteinbauten der Nordwolle zählen bis heute zu den bedeutenden und sehenswerten Baudenkmälern der deutschen Industriegeschichte. Die Einstellung der Produktion im Jahre 1981 hatte die Stadt vor die Aufgabe gestellt, das große Areal einer neuen, sinnvollen Nutzung zuzuführen. Längst ist aus der ehemals abgeschotteten Fabrikstadt ein offenes Viertel geworden, in dem heute wieder rund 4000 Menschen leben und arbeiten.

 


 

Musikalische Geschichtsstunde

Es gibt sogar Liedertexte

über die Wolle- und Jute-Industrie

in Delmenhorst.

Nachzulesen im Internet im Volksliederarchiv.