Neue Heimat nach Krieg und Vertreibung


 

 

Die Familien meiner Eltern stammen aus dem schlesischen Riesengebirge. Die finanziellen Verhältnisse vor und nach der Heirat von Kurt Berger und Margaretha Haasler im Jahr 1937 waren sehr beschränkt. Es herrschte große Arbeitslosigkeit und die Politik bereitet den Menschen große Sorge.

1938 wurde Sohn Horst geboren und der 2. Weltkrieg begann. Schwere Kriegsverletzungen und Gefangenschaft bestimmten das Leben des Vaters. Verzweiflung über die Vertreibung aus der Heimat, Sorge um den Ehemann an der Front und Angst vor der Zukunft in Delmenhorst beherrschten alles Denken und Handeln von Mutter und Sohn. Eine glückliche Kindheit sieht anders aus.

Die kleine Stadt Delmenhorst mußte während der Besatzungszeit zwischen 1945 und 1952 ca. 17.000 Flüchtlinge und Vertriebene aus dem zerstörten Bremen, aber überwiegend aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten Schlesien, Ostpreußen und Pommern aufnehmen.

 

Mit dem Vertriebenentransport der Reichsbahn am 23. Mai 1946 in Delmenhorst angekommen, wurden die Menschen in Sammellagern (z. B. im Hotel „Oldenburger Hof“) untergebracht. Insgesamt 1.484 Bewohner aus dem schlesischen Städtchen Liebau (hauptsächlich Frauen und Kinder) mußten in Delmenhorst aufgenommen werden. Es begann ein neuer ungewisser Lebensabschnitt. Die alteingesessenen Delmenhorster wurden gezwungen, die Heimatvertriebenen aufzunehmen und ihren Wohnraum mit ihnen zu teilen. Meine Mutter und mein damals 9jähriger Bruder wurden bei der Familie Meyer in der Cramerstraße 34 eingewiesen.

12 qm Wohnraum – ein Tisch, ein Bett und ein Schrank – waren ein Himmelreich. Der Zorn der so genötigten Wohnungsinhaber aber war groß und sie ließen ihn an den heimatlos gewordenen Menschen aus. Küche, Waschküche und Toilette mussten gemeinsam genutzt werden, das ließ Spielraum für so manche Schikane. Mein Bruder musste viel Zeit im Bett verbringen, dem einzig warmen Ort im Zimmer, wenn meine Mutter in der Schulspeisung arbeitete. Nach den Wünschen der Vermieterin sollte er möglichst unsichtbar bleiben. Hinzu kam die Sorge um den Ehemann und Vater in 7 Jahren Krieg.


 

In ihrer Seminararbeit

Eine neue Heimat - Flüchtlinge nach 1945"
hat sich Kristina Wiemann diesem Thema gewidmet.

Eine spannende Lektüre, die hilft,
die damalige Situation zu verstehen.


Nach dem mein Vater nach Kriegsende unter schwierigen Umständen die Familie wieder gefunden hatte, gestaltete sich seine Rückkehr unerwartet schwierig. Er benötigte eine Zuzugsgenehmigung um aus der russisch besetzten Enklave bei Görlitz in die englisch besetzte Enklave Delmenhorst einreisen zu können. Wie alle „Trümmerfrauen“ hatte auch meine Mutter ein starkes Selbstbewusstsein entwickelt und kämpfte unerbittlich um diese Genehmigung. Ihre Vermieterin, die ihren Mann während der Kriegszeit zu Hause gehabt hatte, zeigte für die Situtation meiner Mutter keinerlei Verständnis und tat alles, um diesen Zuzug zu verhindern – jedoch vergeblich. Die Hartnäckigkeit meiner Mutter hatte gesiegt.

 

Auch nach Rückkehr meines Vaters blieb die Küchenbenutzung im Hause Meyer das größte Problem: Wann durfte gekocht werden, in was durfte gekocht werden und mit was durfte gekocht werden? Die Gaszuteilung war rationiert. Herd, Spülbecken, Geschirr, Wäscheleine – die Familie war auf Gedeih und Verderb dem Vermieter ausgeliefert.

 

Mein Vater hatte inzwischen in seinem Beruf als Klempner Arbeit gefunden. Not macht erfinderisch und so gelang es ihm, in der Werkstatt ein Ofenrohr zu fertigen. Nach zähen Verhandlungen mit der Vermieterin durfte er das Rohr an den Schornstein anschließen und so hatte die kleine Familie ein warmes Zimmer und konnte dort auch kochen. Dies wiederum missfiel den Vermietern, da ihnen dadurch die Gaszuteilung gekürzt wurde.


Trotz all dieser Widrigkeiten besuchte mein Vater die Abendschule. Ein Jahr lang büffelte er in Abendkursen und in jeder freien Minute, um sich auf die Meisterprüfung vorzubereiten. Das war eine besonders harte Zeit, die durch die räumliche Enge manchmal kaum zu ertragen war. Mutter und Sohn verbrachten viel Zeit an der frischen Luft, damit der Vater ungestört lernen konnte.

 

Die Mühen und Entbehrungen haben sich gelohnt. Am 19. April 1948 legte mein Vater die Meisterprüfung ab. Auch wenn es in der Theorie nur für ein „befriedigend“ gelangt hatte, so wurde das Meisterstück – eine Urne – mit der Note „sehr gut“ beurteilt. Mein Vater war besonders stolz darauf, da diese Note nur der Kammerpräsident erteilen durfte. Ein neuer Lebensabschnitt konnte beginnen.

Die Währungsreform und die Abschaffung der Lebensmittelmarken brachte große Veränderungen. Plötzlich konnte man wieder alles kaufen, was vorher rationiert war. Über einen Kollegen bekam mein Vater 1949 Arbeit bei der Firma Babcock & Wilcox in Oberhausen. Die Tätigkeit war wieder mit Trennungen verbunden, denn die Montagearbeiten ließen nur Wochenendbesuche bei der Familie zu.

 

Im September 1952 vergrößerte sich die Familie, Tochter Ingrid wurde geboren. Nun mußten 4 Personen in 12 qm leben. Der Kinderwagen musste untergebracht werden und ein Baby schreit auch mal nachts. Das Zusammenleben mit den Vermietern, aber auch in der Familie selbst wurde unerträglich. Ein unhaltbarer Zustand.

 

Mitfühlende Mitmenschen und Nachbarn setzten sich dann dafür ein, daß die Familie Berger im Oktober 1953 eine der ersten Wohnungen im Neubaugebiet Düsternort beziehen konnte. Man konnte endlich aufatmen und ein selbständiges Familienleben führen.

 

Nun mußte man erst einmal Anschaffungen tätigen, fehlte es doch an allem, was zum normalen Leben nötig war: Möbel, Hausrat, Geschirr und vieles mehr. Der Mangel und die Not waren vorüber und versetzten die Eltern in die Lage, ihrer kleinen Tochter ein Leben bieten zu können, von dem der Sohn nur hatte träumen können. Dieses Leben hatte ihn tief geprägt. Aber er liebte seine kleine Schwester sehr und war schon damals ein sehr moderner junger Mann, der auch schon mal den Kinderwagen schob und sich dafür mit Nachbarjungen prügelte, wenn sie ihn deswegen auslachten.

Auch wenn das Leben sich allmählich normalisierte, hatte man immer noch Wünsche und Träume. Es wurde gespart, zuerst auf den Führerschein und dann auf das erste eigene Auto. Voller Stolz konnte am 23. Mai 1956 ein horizontblauer VW Käfer angemeldet werden - auf den Tag genau 10 Jahre nach dem meine Mutter mit meinem Bruder als Heimatvertriebene in Delmenhorst angekommen war. 

In den folgenden Jahren erarbeitete mein Vater der Familie einen bescheidenen Wohlstand und meine Mutter hielt eisern das Geld zusammen. So reichte es dann in den 60er Jahren für erste Urlaubsreisen. Camping hieß die neue Zauberformel. Diese Leidenschaft mochte die Tochter aber nicht recht teilen und behielt bis zum heutigen Tage eine Abneigung gegen Zelte, Luftmatrazen und Propangaskocher ...

Nach langen Kriegsjahren und familiären Entbehrungen während mehr als 25 Jahren Montagetätigkeiten fand mein Vater mit dem Beginn des Ruhestandes endlich Zeit für ein gemeinsames Leben mit meiner Mutter und für seine Hobbies. Seine Leidenschaft für Blecharbeiten fand nun Ausdruck in kreativer Gestaltung von Bildern. Die Geburt des vierten Enkelkindes Nicole war der Beginn einer neuen großen Begeisterung für Super-8-Schmalfilme. Viele Urlaubsreisen in Deutschland und Europa waren jedoch die schönste Beschäftigung, so lange die Gesundheit dies zuließ. Endlich hatte man Zeit und Geld für die schönen Dinge des Lebens.

Mein Vater starb 1995 im Alter von 84 Jahren plötzlich und unerwartet und meine Mutter 2003 im Alter von 87 Jahren nach langer schwerer Krankheit. Sie haben immer gerne von der Heimat ihrer Kindheit und Jugend in Schlesien erzählt. Bereits im Rentenalter sind sie auch mehrfach besuchsweise zurückgekehrt. Aber sie haben niemals zu den „ewig gestrigen“ gehört, die ständig der Vergangenheit nachgetrauert haben. Die glücklichste Zeit ihres Lebens haben sie in ihrer neuen Heimat Delmenhorst verbracht.